
von Paul Dickson
117 Seiten
(engl.)
1996
Um keine Missverständnisse auftreten zu lassen: In "The Joy of Keeping Score" geht es nicht darum, dem Leser die Grundtechniken des Scorings beizubringen. Autor Paul Dickson versucht es zwar, lässt aber viel Spielraum. Er geht davon aus, dass der Leser des Buches selbst schon Erfahrungen im Scoring gemacht hat - in USA ist Scoring halt mehr Passion denn Obligation wie in deutschen Landen. Somit gibt er auch nur Tipps und zeigt Stolperfallen für den gemeinen Scorer auf.
Aber wie gesagt, das ist nicht die Absicht des Autors. Vielmehr geht es darum einen kleinen Einblick in die Historie des Scorings zu geben. So gibt es in Amerika nicht wie in Deutschland das Standard-Scoresheet, sondern es kursieren eine Vielzahl von Modellen. Natürlich schmeißt Dickson hierzu gleich eine Vielzahl von Beispiel aus der Vergangenheit in den Ring. Daran ist auch zu erkennen, dass auch nicht das Standard-Abkürzungssystem wie in Deutschland existiert, sondern jeder mixt sich sein Lexikon zusammen, um ein Baseball-Spiel so detailliert wie möglich zu protokollieren. Aber das beste Scoring-System ist nicht das, welches für alles eine Abkürzung hat, sondern welches mit den wenigsten und eindeutigsten auskommt und es demnach für jeden Leser nachvollziehbar macht.
Das Buch ist nicht gerade überragend strukturiert. Im unausweichlichen Anfangsthema "Why Score?" geht Dickson der Frage nach, warum man gerade im Baseball versucht, jeden Spielzug zu notieren. Nach einem kurzen Ausflug zur Geschichte der Scoresheets und der Scoring-Systeme gelangt der Leser gleich zum Hauptkapitel "Scoring and Baseball History from A to Z". Dickson wandert in den folgenden 26 Kapiteln von eher banalen und sachbezogenen Themen wie "The Abbreviations and Scoring Symbols" oder "Proving the Official Box Score" zu eher historisch angehauchten und deshalb überaus lesenswerten Ausführungen über "The Eisenhower-Coolidge-Continuum", "Scorekeeping in French" oder "Year-by-Year Timeline of Scoring Rule Changes". In letzterem erkennt man zum Beispiel, dass es den Save an sich noch gar nicht so lange gibt und Walks in der Vergangenheit auch als At Bat gewertet wurden. "I score, therefore I am" geht dann schon mehr in die philosophischere Richtung. Diese Kapitel sind sehr kurz gehalten, deshalb locker zu lesen und mit einigen Zitaten und Bildern gewürzt. Interessant wird es dann, wenn es um die Diskussion der Einführung eines Team Errors geht (soll z. B. vergeben werden, wenn der klassische Fly-Ball zwischen drei verdutzte "Fang-du-ihn-ich-hab-ihn"-Fielder fällt und bislang als Hit gewertet wird) oder was es mit der Abkürzung WW auf sich hat.
Ein besonderes Schmankerl in dem Buch stellen die Abdrucke von Scoresheets legendärer Spiele der MLB dar. So zum Beispiel Don Larsen's Perfect Game in der World Series 1956 (der Scorer vergaß aus Begeisterung die Aktionen der letzten beiden Schlagmänner zu notieren), Nolan Ryans 300th Win, Sandy Koufax's 1-0 no-hitter von 1965 oder Cal Ripken's 2131. Spiel in Folge. Umrahmt wird das Buch von den beiden Sheets des längsten jemals gespielten Baseball-Spiels zwischen Rochester und Pawtucket. Angesichts von 33 gespielten Innings kommt jedem Scorer das Grausen - der offizielle Scorer schaffte es, alles auf ein Sheet zu protokollieren.
Fazit: "The Joy of Keeping Score" ist nur etwas für Scoring-Fetischisten, die wirklich Spaß daran haben. Allen anderen gibt das Buch nicht viel zurück, man wundert sich höchstens, warum so viel Primborium um das Thema Scoring gemacht wird, das in Deutschland halt mehr als notwendiges Übel angesehen wird. Diejenigen, die aber mit Interesse dabei sind, wird das Buch interessante Einblicke in die Materie und vor allem deren Entwicklung geben. Nicht umsonst wird die Fähigkeit zu scoren als die "membership card of baseball" betrachtet.